Lange Zeit gab es mehr als genug Strom in Europa. Nun wird das Angebot knapper. Brauchen wir neue Kraftwerke? Welchen Technologien gehört die Zukunft? Was plant enercity? Fragen an Harald Noske, den neuen Technischen Direktor der Stadtwerke Hannover AG.
Herr Noske, noch vor wenigen Jahren klagte die Branche über zu hohe Kapazitäten. Jetzt fehlen angeblich Kraftwerke. Wie kommt’s?
Das wundert jeden, der die Situation oberflächlich betrachtet. Die Erklärung ist vielschichtig: Die Knappheit wird aus stark steigenden Preisen abgeleitet, woran zunächst der börsengetriebene Strommarkt Anteile hat; hier regiert oft mehr die Psychologie, weniger die Tatsachen. Fakt ist, dass in den sechs, sieben Jahren, seit der Markt liberalisiert ist, einige Tausend Megawatt alter Kraftwerksleistungen stillgelegt worden sind. Hinzu kommt, dass der Strombedarf immer noch geringfügig wächst. Italien hat einen gewaltigen Importbedarf. Auch die iberische Halbinsel boomt nach dem EU-Beitritt, mit einem ungeheuren Strombedarfswachstum.
Ein Drittel der Kraftwerke in Deutschland ist über 40 Jahre alt. Wie ist die Lage in Hannover?
Wenn man den arithmetischen Mittelwert unserer fünf Blöcke in Stöcken, Herrenhausen, Linden und Mehrum bildet, haben wir ein Durchschnittsalter von 18 Jahren – also einen recht jungen Kraftwerkspark, wenn man von mindestens 40 Jahren Lebensdauer ausgeht.
Wird die Stadtwerke Hannover AG in neue Erzeugungskapazitäten investieren?
Wir sind so weit, dass wir verschiedenste Kraftwerkskonzepte – unterschiedliche Größen, Brennstoffe und Standorte – wirtschaftlich untersucht haben, auch mit unterschiedlichsten Szenarien für die Entwicklung der Brennstoff- und Strompreise. Dabei hat sich herausgestellt, dass es zu risikoreich wäre, in eine gasgefeuerte große Anlage zu investieren – das, was vor fünf Jahren noch überschaubar und en vogue war. Aber vor wenigen Jahren kostete das Öl im Minimum elf Dollar pro Barrel, heute sind es siebzig!
Die Alternative zu Erdgas?
Steinkohle. Kohle hat den charmanten Vorteil, dass über viele Hundert Jahre genügend Ressourcen auf der Welt vorhanden sind. Es gibt auch keine solche Ressourcenkonzentration wie bei Erdgas und Erdöl.
Wie hoch ist das wirtschaftliche Risiko, ein neues Kraftwerk zu bauen?
Wir glauben, dass wir eine Konkurrenz zu den großen vier Erzeugern aufbauen können, die vier Fünftel des Markts unter sich aufteilen. Dafür müssen wir mit den gleichen Kostenstrukturen bauen wie die Großen, das heißt: Wir müssen eben auch 700 MW- bis 1.000 MW-Blöcke bauen. Dann ist das Risiko minimal.
Schaffen Sie das allein?
Das können wir nicht alleine wuppen, das muss man in einer Kooperation machen. Wir sprechen mit einer Reihe von kommunalen und anderen Branchenkollegen. Wir peilen einen Kapazitätszuwachs von etwa 250 MW an, dann hätten wir rund 1.000 MW Erzeugungskapazität, das ist schon eine Hausnummer in Deutschland. Ich hoffe, dass es uns gelingt, in den nächsten zwölf Monaten zu einer Entscheidung zu kommen.
Wie vertragen sich Steinkohle und Klimaschutz?
Man kann heute ohne große Probleme Wirkungsgrade von 45 Prozent erreichen, wo wir bislang 37 oder 38 Prozent hatten. Das bringt eine Einsparung an Energieverbrauch und CO2-Emissionen von einem Sechstel, das ist schon mal eine Menge. Ohnehin brauchen wir die Kohle als Energiequelle. Wenn man über die Lebensdauer einer Neuanlage – sprich 40 Jahre – vorausschaut, kann man sich ausrechnen: Selbst bei maximalem Ausbau regenerativer Energien werden mehr als 50 Prozent Anteil nicht machbar sein. Und auch wenn es uns gelingt, den Strombedarf zu verringern, bleibt die Steinkohle absolut unverzichtbar.
Wie lässt sich der Energiebedarf verringern?
Wir könnten in der Bundesrepublik ein Drittel des Primärenergiebedarfs einsparen, wenn es neben dem Bau moderner Kraftwerke und dem Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung gelänge, den Gebäudebestand flächendeckend auf EnEV-Standard zu bringen, mit einem entsprechenden Passivhausanteil. Als kommunales Unternehmen arbeiten wir seit 15 Jahren – beginnend mit unseren Least-Cost-Planning-Studien – daran, den Bedarf zu minimieren.
Was tun Sie?
Unser enercity Klimaschutz-Fonds hat bundesweit Vorbildcharakter. Er ist jedes Jahr mit etwa fünf Millionen Euro ausgestattet und fördert Tausende Projekte. Da geht es massiv um Energieeinsparung, insbesondere im Bereich des Wohnungsbaus. Damit sägen wir zwar professionell an dem Ast, auf dem wir sitzen. Aber wir hoffen – und bisher sind wir darin bestätigt worden –, dass der Kunde uns dies dankt, indem er dem Unternehmen Wertschätzung und Treue entgegenbringt.
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Zur Person |
Bild oben: Harald Noske vor dem GUD-Kraftwerk in Hannover-Linden