Hannover, den 17. Januar 2012
In der seit 6. Dezember 2011 laufenden Inbetriebsetzungsphase lassen sich am Lindener Kraftwerk hin und wieder Dampfschwaden über dem Maschinenhaus erkennen. Diese hängen mit den seither laufenden Anfahrphasen des Erstbetriebs der neuen Gas- und Dampfturbinenanlage (GuD) zusammen. Die bisherigen Betriebserfahrungen zeigen, dass eine Systemauslegung noch nicht sachgerecht vorgenommen worden ist, was einen Umbau der betroffenen Technikkomponenten beziehungsweise den Einbau zusätzlicher Komponenten erforderlich macht.
Die aktuelle Kälteperiode macht die über dem Maschinenhausdach des Heizkraftwerks (HKW) Linden auftretenden Dampfwolken deutlicher sichtbar. Bei dem austretenden Dampf handelt es sich um reinen Wasserdampf. Die Dampfwolken entstehen im Zuge des Anfahrens der Kesselanlagen sowie beim Start der neuen Dampfturbine. Bei diesen Starts wird der Dampf nicht – wie vorgesehen – innerhalb eines Behälters im Kraftwerk vollständig kondensiert, sondern entweicht oberhalb des Dampfentspanners im Maschinenhaus über einen Schalldämpfer und damit über das Maschinenhausdach. Ferner kann am Kamin vereinzelt eine gelblich-bräunliche Färbung in den Anfahrphasen - quasi Kaltstarts - auftreten. Sie rührt von Stickoxid-(NOx-) und Kohlenmonoxid-(CO-)Emissionen her und ist bei bestimmten Wetterlagen und wegen der hohen Abgastemperaturen der neuen Gasturbine in der Startphase teilweise deutlich sichtbar.
In den nächsten Monaten wird im Zuge des Anfahrens der Anlage weiterhin Dampf im Bypassbetrieb (die Dampfturbine umgehend) über das Maschinenhausdach entweichen. Dieser Zustand ändert sich erst mit der Anpassung der betroffenen Komponenten. Diese kann bedauerlicherweise erst im Sommer 2012 vorgenommen werden, da zusätzliche Ventile mit langer Lieferzeit erforderlich sind. Erst dann wird, wie in der Vergangenheit, der Anfahrprozess von außen nicht mehr wahrnehmbar erfolgen.
Ein neues Kraftwerk lässt sich nicht einfach einschalten wie eine Küchenmaschine. Besonders eine Gas- und Dampfturbinenanlage wie im Heizkraftwerk Linden, die als innerstädtisches Heizkraftwerk zudem Fernwärme erzeugt, gibt es selten als Produkt „von der Stange“. Es handelt sich um ein Einzelstück, das in einem mehrstufigen Prozess zur Produktionsanlage für den Dauerbetrieb weiterentwickelt wird.
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Hintergrund-Information: Wie ein Kraftwerk fahren lernt
Bevor ein Kraftwerk dauerhaft und zuverlässig zur Energieerzeugung beiträgt, müssen einige Phasen durchlaufen werden, in denen Auftraggeber und Hersteller in enger Zusammenarbeit das technische Gesamtkunstwerk sorgfältig auf Mängel prüfen:
1. Inbetriebsetzung
Das Kraftwerk ist fertig errichtet. Der „heiße Betrieb“ wird aufgenommen, also zum ersten Mal angefahren und Strom erzeugt (gegebenenfalls auch Wärme). Dies betrifft zunächst einzelne Komponenten und im weiteren Verlauf auch die komplette Anlage, die in diesem Zusammenhang häufig an- und abgefahren wird. Diese Phase wird bei einer komplexen Anlage wie der im HKW Linden mehrere Monate dauern.
2. Probebetrieb
Nach Abschluss der Inbetriebsetzung und Erprobung der Anlagenkomponenten kann die Gesamtanlage in einen dauerhaften Probebetrieb übergehen. Hier kann die Anlage ausschließlich nach Wunsch des Auftraggebers, aber noch in der Verantwortung der Lieferanten betrieben werden. In enger Zusammenarbeit mit den Ingenieuren der Hersteller wird die Produktion quasi unter Echtbedingungen aufgenommen. Diese Testphase läuft unter kontinuierlicher Beobachtung und Analyse durch die Techniker, um möglichst umfassend technische Mängel an der Anlage zu beseitigen. Für alle Mängel stehen die Hersteller in der Gewährleistungspflicht. Auf Grund der hierzu erforderlichen technischen Revisionen kann das Kraftwerk aber noch nicht nach den Vorgaben der Lastmanager gefahren werden. Das eigene Kraftwerkspersonal lernt in dieser Phase die neue Anlage genau kennen und bereitet sich so auf den kommenden Dauerbetrieb vor.
3. Dauerbetrieb (offizielle Inbetriebnahme durch Betreiber)
Der Dauerbetrieb kann erst beginnen, wenn keine gravierenden Mängel mehr bestehen. Nach der offiziellen Abnahme durch den Betreiber und die Gewerbeaufsichtsbehörden sowie der Hersteller-Garantie¬erklärung wird die Anlage in den kommerziellen Betrieb übernommen. Kleinere Mängel werden dokumentiert und bei laufendem Betrieb beseitigt. Die Anlage läuft ab nun in voller Verantwortung des Energieunternehmens. Die Gewährleistungspflicht des Herstellers gilt im Rahmen der vereinbarten Fristen. Stillstand gibt es jetzt nur noch während der jährlichen Revisionen, in denen das Kraftwerk gewartet wird, oder bei einem akuten Ausfall.
Hintergrund-Information: Das Modernisierungsprojekt im HKW Linden
Die Entscheidung für die Modernisierung und Erweiterung der Gas- und Dampfturbinenanlage im Heizkraftwerk Linden fiel Ende 2008. Im September 2009 machte sich das rund 155 Millionen Euro beanspruchende Vorhaben auch im Stadtbild deutlich bemerkbar, da der Kamin auf Kesselhaus 1 (Mündungshöhe 125 Meter) entfernt wurde. Der Einbau der zweiten Gasturbine erforderte einen neuen, dickeren Kamin auf dem zur Spinnereistraße gelegenen Kesselhaus 1, wie auf Kesselhaus 3 bereits vorhanden. Der neue Kamin wurde im September 2010 aufgesetzt.
Das gesamte Kraftwerksmodernisierungsprojekt nimmt gut zweieinhalb Jahre Bauzeit in Anspruch. Ziel ist eine Modernisierung und Leistungssteigerung der bestehenden Anlage um rund 130 MWel auf 230 MWel bei der Stromproduktion. Die Fernwärmeleistung wird ebenfalls nennenswert von 90 MWth auf 180 MWth verdoppelt. Damit bekennt sich enercity klar zur Kraft-Wärme-Kopplung und Fernwärmeversorgung für Hannover. Durch höchste Wirkungsgrade und durch Verwendung von Erdgas als Brennstoff werden Kohlenstoffdioxid-Einsparungen von über 200.000 Tonnen pro Jahr erreicht. Der Umbau im Heizkraftwerk Linden ist die derzeit wirksamste Maßnahme im Rahmen des Klimaschutzaktionsprogramms mit der Landeshauptstadt Hannover (Klima-Allianz 2020).