Prof. Dr.-Ing. Michael Haist und Tanja Requardt im Interview
    Auf ein Wort

    „Wir brauchen Baustoffe mit wenig grauer Energie“

    Prof. Dr.-Ing. Michael Haist vom Institut für Baustoffe der Leibniz Universität Hannover erklärt, warum Smart Cities aus Materialien erbaut werden müssen, die ökologisch, sehr leistungsfähig und langlebig sowie bezahlbar sind. Und weshalb Beton daher einer der wichtigsten Baustoffe der Zukunft ist.
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    Herr Professor Haist, Sie beschäftigen sich mit Beton und forschen dazu. Ist das ein Baustoff, den wir hier in Hannover in den nächsten Jahren öfter im Stadtbild sehen könnten?

    Sagen wir mal: noch öfter. Denn er gehört ja schon jetzt zum Alltag. Bordsteine, Brücken, Tunnel, unsere gesamte Infrastruktur sind in der Regel aus Beton. Fast jedes Gebäude hat ein Betonfundament. Dieser Werkstoff wird wegen seiner Eigenschaften auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Wenn Sie auf den Klimawandel schauen, wird sich dieser aber auch auf die Baustoffe auswirken, die wir nutzen werden.

    Welche Eigenschaften müssen denn die Baustoffe mitbringen, aus denen Gebäude und Infrastruktur zukünftig gebaut werden?

    Sie sollen besonders nachhaltig sein. Aber was bedeutet das in diesem Kontext? Nachhaltigkeit ist für mich nicht nur eine Minimierung des CO2-Ausstoßes. Der ist ohne Zweifel eine ganz zentrale Aufgabe, aber im Bauwesen ein Kriterium neben weiteren. Wir brauchen natürlich Baustoffe, die wenig graue Energie bei ihrer Herstellung benötigen; wir brauchen aber auch Baustoffe, die eine möglichst lange Nutzungsdauer haben. Ein Einfamilienhaus muss heute bereits 50 Jahre halten, eine Brücke 100 Jahre. Und natürlich muss ein Baustoff auch bestimmte Aufgaben erfüllen und zum Beispiel Kräfte abtragen. Der Spagat besteht darin, diese drei Anforderungen in Einklang zu bringen: Ökologie, Leistungsfähigkeit und Langlebigkeit. Die Summe dessen ist nachhaltiges Bauen.

    Prof. Dr.-Ing. Michael Haist und Tanja Requardt im Interview
    Prof. Michael Haist stellt Chefredakteurin Tanja Requardt verschiedene Betonsorten vor. Eine der wichtigsten Eigenschaften des Baustoffes ist seine hohe Leistungsfähigkeit.

    Das heißt, die Baustoffe der Zukunft müssen ganz unterschiedliche Kriterien erfüllen?

    Vollkommen richtig. Darum werden wir es wahrscheinlich auf absehbare Zeit nicht schaffen, Gebäude zu errichten, ohne ein Gramm CO2 dabei auszustoßen. Das ist thermodynamisch fast unmöglich. Es kommt auf den Mix der Werkstoffe an, die wir entsprechend einsetzen, um den Folgen des Klimawandels zu begegnen. Wir werden Holz, Glas, Beton und sicher auch Stahl nutzen. Wenn bei deren Herstellung und Verwendung CO2 frei wird, dann sollten wir dieses über eine lange Zeit abschreiben, also für Generationen bauen.

    Sie sprechen von grauer Energie. Was ist das?

    Graue Energie bezeichnet im Endeffekt die Energie, die notwendig ist, um Werkstoffe und Gebäude herzustellen. Das sind enorme Mengen.

    Es geht also um den Energieverbrauch entlang der gesamten Wertschöpfungskette?

    Wenn sehr wenig Energie zur Errichtung des Gebäudes nötig ist, dann wird es vielleicht auch nicht besonders wärmegedämmt sein. Dann ist die Energie, die während der Nutzungsdauer für Heizen oder Kühlen aufgewendet wird, wahrscheinlich deutlich höher als bei einem Gebäude, das anfangs viel Energie verschlungen hat. Es muss ein guter Mittelweg gefunden werden, bei dem die lange Lebensdauer eines Gebäudes berücksichtigt wird. Das ist keine einfache Aufgabe.

    Prof. Dr.-Ing. Michael Haist im Interview
    Prof. Dr.-Ing. Michael Haist lehrt und forscht am Institut für Baustoffe der Leibniz Universität Hannover.

    Wie steht es denn um die Ökobilanz von Beton?

    Die ist eigentlich sehr gut. Der CO2-Ausstoß bei der Herstellung von Beton ist im Vergleich zu anderen Werkstoffen wie zum Beispiel Stahl gering. Kritische Diskussionen beziehen sich auf den enormen Verbrauch von Beton. Ich kann Ihnen da ein Beispiel nennen: China hat in den vergangenen drei Jahren so viel Beton verbraucht wie die USA in ihrer ganzen bisherigen Geschichte. Das heißt, eine kleine Umweltwirkung multipliziert mit einer großen Menge ergibt insgesamt natürlich sehr viele CO2-Emissionen. Dies heißt aber nicht, dass der CO2-Ausstoß von Beton nicht weiter reduziert werden kann und muss – im Gegenteil! Dies ist eines meiner wichtigsten Forschungsthemen.

    Was ist der Unterschied zwischen den Betonarten?

    Da ist zum einen klassischer Beton, der im Wesentlichen aus 70 bis 80 Prozent Sand und Kies besteht. Und diese Komponenten werden mit Zement und Wasser zusammengeklebt. Dann gibt es Wärmedämmbeton zum Beispiel mit Blähton oder als Porenbeton. Da werden kleine Luftbläschen in den Beton eingebracht, die machen den Werkstoff sehr leicht, aber gleichzeitig auch gut wärmedämmend. Und es gibt noch einen ganz anderen Effekt: Raumklima besitzt einen gewissen Anteil an Feuchtigkeit. Und die porösen Materialien sind in der Lage, diese Feuchte aufzunehmen. So wird es im Raum nicht unangenehm schwül. Übrigens kann man inzwischen auch Beton herstellen, der die Festigkeiten von Stahl aufweist, und damit extrem leicht und schlank bauen. Wir haben also eine enorm breite Palette an Werkstoffeigenschaften.

    Prof. Dr.-Ing. Michael Haist und Tanja Requardt im Interview
    Je nachdem, welchen Beanspruchungen der Baustoff ausgesetzt werden soll, haben die unterschiedlichen Betonarten eine jeweils besondere Beschaffenheit.

    Wenn wir über Nachhaltigkeit und den CO2-Fußabdruck sprechen: Ist Beton recyclingfähig?

    Zu 100 Prozent. Beim Abbruch werden Stahl und Beton getrennt. Der Stahl wird eingeschmolzen und zur Herstellung von neuem Stahl verwendet. Und der Beton kann zur Herstellung von neuem Beton genutzt werden. Diese Materialien sind kreislauffähig. Nun gilt es, diesen Kreislauf noch besser zu schließen. Die ökologischste Art, zu bauen, ist, weniger zu bauen und die Bauwerke möglichst lange zu nutzen. Denn Beton ist eigentlich eher für die Ewigkeit gemacht.

    Am Pantheon in Rom kann man das besichtigen.

    Ja, das ist ein faszinierendes Bauwerk und ein Paradebeispiel dafür, wie nachhaltig man mit dem Werkstoff Beton bauen kann. Das Pantheon ist knapp 2000 Jahre alt, aus Beton gebaut, ursprünglich als Tempel, dann als Kirche genutzt. Es wurde einmal viel Energie aufgewendet. Das gelingt uns vielleicht nicht bei jedem Bauwerk, muss aber eigentlich die Prämisse sein, unter der wir in Zukunft bauen.

    Sie beschäftigen sich auch mit dem Thema Beton 4.0. Was kann man sich darunter vorstellen?

    Die Herstellung von Beton und auch das Bauen sind noch sehr stark durch händische Prozesse geprägt. Der Werkstoff Beton wird mit der Automatisierung erst mal nicht in Zusammenhang gebracht. Das wollen wir ändern und sehr stark vorantreiben. Also dass zum Beispiel die Betonmischmaschine lernt, unter anderem durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz den Werkstoff besser auszusteuern, und somit noch deutlich effizienter mit den Rohstoffen umgeht.

    Interview: Tanja Requardt. Fotos: Benne Ochs (4).

    29. Juni 2021

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