Energiewende

Was versteht man unter „Kreislaufwirtschaft“?

Die Kreislaufwirtschaft hilft, Müll zu vermeiden und Ressourcen zu schonen. Das kommt nicht nur dem Klima und der Umwelt zugute, sondern hilft zudem Branchen, die unter Rohstoffknappheit leiden. Auch für die Energiewende ist der Ansatz unverzichtbar.

Produzieren, konsumieren, wegwerfen: Nach diesem Dreiklang funktionierte lange Zeit unser Wirtschaftssystem. Das belastet die Umwelt und zehrt Ressourcen auf – denn Rohstoffe und Energie werden unwiederbringlich verbraucht.

Langlebig, reparierbar, recycelbar

Die Idee der Kreislaufwirtschaft steht dem entgegen. „Das Ziel der Kreislaufwirtschaft ist es, die Entnahme und Nutzung von Ressourcen sowie Energie möglichst optimal zu gestalten, also möglichst zu minimieren“, sagt Holger Berg, stellvertretender Leiter der Abteilung Kreislaufwirtschaft des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Um das zu erreichen, sollen Produkte so lang wie möglich halten, geleast oder geteilt werden, reparierbar und instandhaltbar sein. Nach Verwendung sollen die Einzelteile recycelt werden. Ressourcen und Energie gehen somit in neue Produkte über; sie bleiben dem Wirtschaftskreislauf erhalten. Das reduziert Abfall und vermeidet Umweltbelastungen. Für die Kreislaufwirtschaft sprechen aber nicht nur umweltpolitische Gründe, sondern auch wirtschaftliche: „Viele Materialien werden zunehmen knapper, da der Wettbewerb steigt, etwa Metalle oder auch in der Baubranche“, sagt Berg: „Viele Unternehmen haben also ein ganz eigenes Interesse, Ressourcen sparsam einzusetzen.“

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Auch beim Verpackungsdesign wird im Sinne der Ziele der Kreislaufwirtschaft zunehmend darauf geachtet, Produkte so zu entwickeln, dass ein effizientes stoffliches Recycling der genutzten Materialien möglich ist.

Materialien müssen sich trennen lassen

Möglichkeiten, um diese Ziele zu erreichen, gibt es auf allen Ebenen der Wertschöpfungskette. „Das beginnt bereits mit dem Design des Produkts“ sagt Berg. Dazu gehört nicht nur, auf überflüssige Materialien von vornherein zu verzichten und beispielsweise die Zahnpastatube nicht in einer Schachtel zu verpacken. Ebenso wichtig ist es, dass schon bei der Entwicklung mit bedacht wird, wie die Produkte nach Ende ihrer Nutzung wieder in den Kreislauf zurückgelangen können.

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Sharing Economy vom Feinsten: Bei „kurts toolbox“, einem digitalen Mietservice für Werkzeuge per App, können Bohrmaschinen, Akkuschrauber und andere Profiwerkzeuge 24/7 stundenweise ausgeliehen werden.

Neue Geschäftsmodelle: Leihen statt kaufen

Zur Idee der Kreislaufwirtschaft zählen auch neuartige Geschäftsmodelle, die nicht auf das Kaufen ausgerichtet sind, sondern auf das Leihen und Teilen von Produkten. Das Unternehmen Rolls-Royce zum Beispiel verkaufe seine Flugzeugturbinen nicht an Flugzeugproduzenten, sondern vermiete sie nur, berichtet Berg. Denkbar seien aber auch Beispiele im privaten Haushalt: „Bohrmaschinen etwa werden meist nur ein paar Minuten im Jahr genutzt. Es wäre für die meisten Menschen viel sinnvoller, sie auszuleihen als zu kaufen. Und den Hersteller motiviert es, ein langlebiges Produkt zu bauen.“

Entscheidend bei allen Punkten sei allerdings auch, dass sich dieses Vorgehen wirtschaftlich rechne. „Es bringt nicht viel, wenn das Smartphone so designt wird, dass sich das Display ausbauen lässt, aber ein neues Display fast so viel kostet wie das ganze Gerät“, sagt Berg.

Neue Verpflichtungen für Produzenten

Eine Möglichkeit, Händler zur Entwicklung kreislauffähiger Produkte zu bewegen, sind Rücknahmesysteme, wie es sie in Deutschland schon gibt, etwa für Getränke-Einwegverpackungen, aber auch für PVC-Fensterrahmen. Eine andere sind gesetzliche Vorgaben für Produktion und Recycling. Darauf setzt das Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG), dessen erste Fassung bereits am 1. Juni 2012 in Kraft trat. Anders als der Name vermuten lässt, regelte dieses Gesetz allerdings lange Zeit vor allem die Entsorgung von Abfall, nicht dessen Vermeidung.

Ende Oktober 2020 wurde eine Novelle rechtsverbindlich, die viele Gedanken der Kreislaufwirtschaft aufgreift. Unter anderem wird Herstellern eine sogenannte Obhutspflicht auferlegt: Sie werden dazu verpflichtet, Produkte so zu konzipieren, dass sie langlebig und reparaturfähig sind und sich nach dem Ende der Nutzung leicht auseinandernehmen lassen, um ihre Einzelteile wiederzuverwerten. Noch gibt es keine konkreten Vorgaben, an die sich die Produzenten bei der Entwicklung halten müssen. Aber sie müssen künftig in einem Transparenzbericht darlegen, welche Maßnahmen sie ergriffen haben.

Kreislaufwirtschaft im Energiesektor

Der Gedanke der Kreislaufwirtschaft lässt sich nicht nur auf Konsumgüter anwenden, sondern auch auf regionale Wirtschaftsbeziehungen und den Energiesektor. So kann etwa die Wärme, die bei der Verbrennung von Siedlungsabfällen einer Stadt entsteht, als Fernwärme zurück an die Haushalte genau dieser Stadt fließen, statt ungenutzt zu verpuffen. Ein solches System sieht das Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT in seiner Studie „Zur Rolle der thermischen Abfallbehandlung in der Circular Economy“ als wichtigen Baustein einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft an.

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Bei der regionalen Kreislaufwirtschaft gilt das Prinzip der kurzen Wege. Auch das sorgt für eine gute CO₂-Bilanz der Anlagen.

In Hannover wird das Prinzip der Kreislaufwirtschaft im Bereich der Fernwärme schon seit 2020 mit Leben gefüllt. Die Müllverbrennungsanlage in Hannover-Lahe verwertet nicht recycelbare Abfälle aus Haushalten und Unternehmen der Metropolregion, um Strom und Wärme zu erzeugen. Die Anlage speist rund 300 Gigawattstunden Wärme pro Jahr in das direkt angebundene enercity-Fernwärmenetz ein und deckt damit rund ein Viertel des Fernwärmebedarfs der Stadt Hannover.

Auch in der Klärschlammverwertungsanlage Lahe werden künftig Reststoffe aus den Kläranlagen der Region, die wegen ihrer Schadstoffbelastung nicht mehr auf landwirtschaftliche Flächen ausgebracht werden dürfen, thermisch genutzt. Ab 2023 stehen dadurch jährlich rund 50 Gigawattstunden klimaschonende Fernwärme für rund 15.000 Menschen in Hannover zur Verfügung. Und auch das geplante Biomasseheizkraftwerk, das bis 2025 im hannoverschen Stadtteil Stöcken entsteht, setzt auf die thermische Verwertung von Produktionsresten wie Altholz aus der Region, um Fernwärme für deren Einwohner zu erzeugen.

So entsteht aus Klärschlamm, Produktionsresten und Abfällen wertvolle Energie, die den Menschen der Region in Form von Fernwärme wieder zur Verfügung gestellt wird. Durch kurze, regionale Transportwege bleibt zudem der CO₂-Fußabdruck der Anlagen gering. Und auch das ist im Sinne der Kreislaufwirtschaft.

Text: Jens Lehmann. Fotos: Getty Images (2), Kurts.

4. Oktober 2021

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