
Der Schlüssel bleibt im Dorf
Als die Bagger im Dorf Husby bei Flensburg den Graben für die ersten Rohre ausheben, steht noch nicht fest, wie viele Häuser am Ende daran angeschlossen werden. Die Rohre sollen Wärme aus einer gemeinsamen Heizanlage zu den Häusern bringen, ein Wärmenetz für den Ort. Unterschrieben hat zu diesem Zeitpunkt etwa die Hälfte der Hauseigentümer:innen an der Strecke. Die Gemeindevertretung beschließt den Bau trotzdem, einstimmig, und lässt die Leitungen gleich größer auslegen, als der Bedarf es verlangt – für Nachbarn, die noch nicht zugesagt haben. Eine Gemeinde, die so etwas beschließt, verhält sich wie ein Dorf, das sich ein Gemeinschaftshaus baut: Der Saal fällt größer aus als die Zahl derer, die zur Eröffnung kommen, weil er nicht nur für den Verein von heute gedacht ist. Beim Wärmenetz sind es Rohre statt Stühle, der Gedanke ist derselbe.
In Husby wohnen rund 2.500 Menschen. Rund um den alten Dorfteich prägen reetgedeckte Bauernhäuser, Backsteinfassaden und der für die deutsch-dänische Grenzregion typische Holzbaustil das Ortsbild. Dahinter öffnen sich weite Felder und sanfte Hügel bis zum Horizont. Das Amt Hürup – der Verwaltungsverbund mehrerer Gemeinden, zu dem der Ort gehört – zählt keine 9.000 Einwohner:innen. Eine Verwaltung dieser Größe hat kein eigenes Stadtwerk, keine Abteilung für Energieplanung und niemanden, dessen Aufgabe es wäre, Förderanträge zu schreiben. Wärmenetze gelten eigentlich als Sache der Städte.
Ein Wärmenetz, das mitwächst
Trotzdem liegen in Husby Wärmeleitungen im Boden, und dieses und nächstes Jahr kommen neue dazu. Rund 100 Hausanschlüsse zählt das Netz heute, darunter die Grundschule mit ihrer Sporthalle. Bis Ende 2027 kommen mehr als 60 weitere Hausanschlüsse dazu. Seit Ende Juni läuft außerdem ein neuer Biomassekessel. „Das ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einer zukunftsfähigen Wärmeversorgung in Husby”, sagt Bürgermeister Burkhard Gerling. „Mit der Erweiterung der Nahwärmeversorgung machen wir uns als Gemeinde und die Bürger:innen unabhängiger von fossilen Energien.”
Im Heizwerk Husby werden Holzpellets aus Norddeutschland, Kraft-Wärme-Kopplung und Solarenergie zu einem klimafreundlichen Energiesystem verbunden. Ein Power-to-Heat-Modul wandelt überschüssigen Solarstrom direkt in Wärme um. So sinken die Treibhausgasemissionen gegenüber herkömmlichen Öl- und Gasheizungen um mehr als 80 Prozent. Für 100 angeschlossene Haushalte und die Grundschule spart das rund 400 Tonnen CO₂ pro Jahr – so viel wie etwa zwei Millionen Autokilometer oder 50 Erdumrundungen.
Für Städte ist die kommunale Wärmeplanung und die Umsetzung der Wärmewende eine Aufgabe unter vielen. Für ein Dorf stellt sich zuerst die Frage, wer sie stemmt, wer sie bezahlt und wer das Risiko trägt, solange die Nachbarschaft noch unentschieden ist. Husby hat darauf eine Antwort gefunden, die sich übertragen lässt.
Wie kommt die Wärme ins Dorf?
Technisch ist die Wärmewende auf dem Land gut beherrschbar. Aufgrund der großen Flächen und weiten Entfernungen kommen dort meist dezentrale Lösungen zur Wärmeerzeugung zum Einsatz. Alte Ölheizungen werden von Pelletheizungen und Wärmepumpen abgelöst – dieses Vorgehen ist für Einzelhäuser erprobt. Wer einen alten Resthof, einen landwirtschaftlichen Betrieb oder ein Gewerbegebäude besitzt, hat meist auch Platz für eine große Brennstofflagerhalle und setzt eher auf eine Hackschnitzelheizung.
Anspruchsvoll ist der Ausbau eines Wärmenetzes, bei dem ein zentrales Heizwerk über ein isoliertes Rohrsystem mehrere Gebäude im Dorf mit Nahwärme für Heizwärme und Warmwasser versorgt. Ein Wärmenetz benötigt eine hohe Anfangsinvestition, es wird aufwändig unter Straßen, Wiesen, Flüssen verlegt und rechnet sich erst über Jahrzehnte. Nahwärme unterscheidet sich von Fernwärme vor allem durch den Maßstab: ein Netz für ein Dorf statt für eine Stadt.
Technisch wäre auch ein anderer Weg möglich gewesen: viele einzelne Wärmepumpen, Pelletheizungen und individuelle Lösungen in jedem Haus. Husby entschied sich dagegen. Die Gemeinde setzt auf ein gemeinsames Wärmenetz, um den Umstieg auf erneuerbare Energien zu beschleunigen und die Bürger:innen unabhängiger von fossilen Energien zu machen. Statt vieler Einzelinvestitionen entsteht eine gemeinsame Infrastruktur, die schrittweise mit regenerativen Energien gespeist werden kann. Das senkt die Einstiegshürden für viele Haushalte und verteilt die Kosten der Wärmewende auf viele Schultern.

Zuerst gilt allerdings zu klären: Wem gehört das Netz, und wer betreibt es? Ein Dorf, das ein Bürgerhaus hat, hat diese Frage schon einmal beantwortet. Die Gemeinde kann das Haus selbst führen, mit eigenen Leuten. Sie kann es ganz abgeben. Oder sie behält es und verpachtet die Gaststätte darin.
Beim Wärmenetz stehen dieselben drei Wege offen. Selbst zu wirtschaften verlangt Personal, Kapital und Sachverstand im Rathaus. Netz und Betrieb ganz abzugeben, entlastet die Verwaltung und ist für viele Kommunen der passende Weg, nimmt aber Gestaltungs- und Einflussmöglichkeiten. Und der dritte: Das Netz bleibt in der Gemeinde, betrieben wird es von jemandem, der das kann.
Das Prinzip des Verpachtens kennt jedes Dorf, von Land und Höfen. Man gibt die Arbeit ab und behält das Eigentum. Die Investition bleibt damit aber bei der Gemeinde – und mit ihr die Vorleistung für Anschlüsse, die noch niemand bestellt hat. Für diesen Weg hat sich Husby entschieden.
Wer die Nahwärme bewirtschaftet
Die Gemeinde investiert in die Infrastruktur und bleibt Eigentümerin des Netzes. Verpachtet wird es an das Unternehmen enercity contracting, das neben dem Nahwärmenetzbetrieb auch die Erzeugung der Wärme verantwortet. Im Gegensatz zum Nahwärmenetz wurde die Energiezentrale mit dem Holzkessel von enercity contracting geplant und errichtet und damit auch finanziert. Contracting heißt nichts anderes, als dass ein Dienstleister eine Anlage auf eigene Rechnung baut, betreibt und die Wärme daraus verkauft. Neu ist, dass die Leitungen dem Dorf gehören.
Dieses Eigentum bedeutet Arbeit, und die liegt beim Amt Hürup: Kredite beschaffen, Fördergelder abrechnen, Gestattungsverträge mit Grundstückseigentümer:innen schließen. Verpflichtet ist dazu niemand – die Wärmeversorgung ist, anders als die Wasserversorgung, keine Pflichtaufgabe einer Gemeinde. In Husby hat das Amt die Arbeit von Anfang an mitgetragen.
„Mit diesem Kooperationsmodell übernimmt die Gemeinde Verantwortung und ermöglicht den Netzausbau in einem Umfang, der ohne kommunales Engagement nicht möglich gewesen wäre", sagt Sascha Brandt, Leiter Vertrieb Nord bei enercity contracting. Damit Wärmenetze auch außerhalb dicht bebauter Quartiere entstehen, brauche es neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Kommunen und Versorgern.
Im Fall Husby kennen sich beide schon lange: Seit 2005 betreibt enercity contracting das Nahwärmenetz im Wohngebiet „Soolücke". Mit dem Ausbau des Wärmenetzes seit 2024 ist aus der Versorgung eines abgeschlossenen Wohngebiets ein fast flächendeckendes Versorgungsangebot für das ganze Dorf geworden. Bei einer Infrastruktur, die sich erst über Jahrzehnte rechnet, ist eine Zusammenarbeit, die länger hält als eine Wahlperiode, keine Nebensache.
Was die Vorleistung getragen hat
Eine Leitung, die für mehr ausgelegt ist, trägt nur, wenn die Nachbarschaft nachzieht. Der Weg dorthin ist in Husby einfach gehalten: Wer sich anschließen möchte, füllt einen Fragebogen aus und wirft ihn in den Briefkasten des Gemeindehauses. Auch die Konditionen liegen dort – zwei Musterverträge, die Karte des Vertragsgebiets, die Preisblätter, alles öffentlich einsehbar.
Dazu kommen die Versammlungen. Seit 2022 steht die Nahwärme regelmäßig auf der Tagesordnung von Einwohnerversammlungen, zuletzt im Januar 2026 in der Turnhalle der Grundschule. Jeden Dienstag trifft sich außerdem eine Arbeitsgruppe aus fünf Mitgliedern der Gemeindevertretung mit dem planenden Ingenieur und den ausführenden Betrieben zur Baubesprechung. Eines dieser Mitglieder ist Wulf Boie, der 33 Jahre an der Europa-Universität Flensburg zu erneuerbaren Energien und Energieplanung geforscht und gelehrt hat. Seit 2022 ist er im Ruhestand – und ehrenamtlich in der Kommunalpolitik.

Neben der Gemeindevertretung stehen den Bürger:innen aus Husby auch Energieberater:innen der Gemeinde vor Ort für eine Beratung rund um Fragen zur Technik und Förderung zur Verfügung. Gebaut wird von regionalen Partnern und lokalen Gewerken, das Geld für die Leitungen bleibt damit zu einem guten Teil in der Region.
So kommt zusammen, was aus einer Vorleistung eine Auslastung macht: Vertrauen, viele Gespräche und Nachbarn, die mitziehen. Inzwischen haben sich mehr als 120 Eigentümer:innen für einen Nahwärmeanschluss entschieden, weitere haben Interesse bekundet. Der Rückhalt reicht über die Unterschriften hinaus, sagt Boie: „Dafür, dass wir derzeit im ganzen Dorf die Straßen aufreißen, gibt es erstaunlich wenig Beschwerden. Auch viele von denen, die sich noch nicht anschließen lassen, unterstützen, dass es dieses Netz gibt.“
Fachwissen lässt sich einkaufen
Nicht alles davon kann die Gemeinde selbst. Für die Planung des Wärmenetzes wurde ein erfahrenes Planungsbüro beauftragt. Daneben wurde ein weiteres Ingenieurbüro für das Sanierungs- und Fördermanagement eingebunden, dessen Berater:innen sich mit den Förderanträgen befasste – mit einem Ergebnis, das die Gemeinde selbst als frohe Botschaft aus Kiel beschreibt: eine Million Euro aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung. Zwölf Monate habe sich dafür jemand „durch den Förderdschungel gekämpft", schreibt sie auf ihrer Website.
Das ist die praktischste Erkenntnis dieses Falls: Fachkompetenz, die eine kleine Verwaltung nicht dauerhaft vorhalten kann, lässt sich einkaufen. „Zu klein" gilt dann für die eigene Personaldecke, nicht für das Vorhaben. Jede Seite übernimmt, was sie am besten kann. Auch das gehört zum Gemeinschaftsprojekt.
Manches Fachwissen wohnt allerdings schon im Dorf: Boie hat sein Berufsleben der Energieplanung gewidmet und wendet sie jetzt vor der eigenen Haustür an. „Ich habe mich zu jung gefühlt, um mich komplett zur Ruhe zu setzen“, sagt Boie. „Ich dachte: Ich kann doch etwas Sinnvolles machen. Und es macht Spaß.“
Wozu das Eigentum gut ist
Husby hat sich beim Bau die Möglichkeit offengehalten, das Netz später an ein geplantes solarunterstütztes Heizwerk anzuschließen – betrieben von einer örtlichen Wärmegenossenschaft. Dann würde überwiegend solarthermisch erzeugte Wärme in ein Netz fließen, das dem Dorf gehört und das enercity contracting bewirtschaftet. Die Energiezentrale von enercity contracting würde weiterhin als Reserveanlage dienen, die Wärmeversorgung in Husby sicherstellen und an besonders kalten Tagen unterstützen. Wer Eigentümer des Netzes bleibt, entscheidet, was künftig eingespeist wird. Kommunale Gestaltungshoheit ist hier kein Schlagwort, sondern eine Option mit Anschlussstutzen.
Übertragbar ist deshalb weniger die Technik als die Rollenverteilung: klare Zuständigkeiten, eine Partnerschaft, die länger hält als eine Wahlperiode, eingekaufte Fachkompetenz, eine Verwaltung, die mitträgt, Betriebe aus der Region – und ein Eigentum, das im Ort bleibt. Die Wärmewende entscheidet sich nicht allein in den großen Städten, sondern auch in vielen kleinen Gemeinden, die vor derselben Aufgabe stehen wie Husby.
Damit das gelingt, braucht es laut Boie vor allem eines: einen langen Atem. Die ersten Überlegungen zur Erweiterung des Wärmenetzes reichen bis 2018 zurück, bis Ende 2027 wird es noch dauern, bis die aktuellen Pläne umgesetzt sind. „Dafür braucht es Leute in der Gemeindevertretung, die nicht sofort aufgeben, wenn die Dinge nicht auf Anhieb funktionieren.“
Was in Husby seit dem ersten Spatenstich als Vorleistung in den Boden gelegt wurde, ist heute Spielraum: größere Rohre, mehr Anschlüsse und die Freiheit, über die Wärme von übermorgen zu entscheiden. Ein Wärmenetz zu bauen, heißt für eine kleine Gemeinde nicht, alles selbst zu können. Es heißt, die Aufgaben so zu verteilen, dass jede Seite das Ihre einbringt – und den Schlüssel im Dorf zu behalten.
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