
Regenwasser sammeln für das Stadtgrün
Bevor Jan Thiele und sein achtjähriger Sohn Jonte die Bäume im Hofgarten wässern, geht eine Nachricht in den Hauschat der Eigentümergemeinschaft der Ohe-Höfe: „Wir gehen jetzt gießen – wer kommt mit?“.
Mal meldet sich sofort jemand. Mal kommt etwas später eine Nachbarin mit ihren Einkäufen um die Ecke, ein Kind läuft hinterher und hält kurz darauf eine Gießkanne in der Hand. Und manchmal bleiben Jan und Jonte auch zu zweit. Doch selbst dann ist das Gießen mehr als eine private Aufgabe. Es ist gelebte Nachbarschaft. „Man braucht nicht viel, nur Menschen, die mitmachen“, sagt Jan. „Und da findet sich bei uns im Wohnprojekt eigentlich immer jemand.“
An diesem Sommertag ist der Architekt mit einer Schubkarre unterwegs. Zwei Eimer Regenwasser bringt er zu den Bäumen vor dem Grundstück, die an heißen Tagen auf jede zusätzliche Bewässerung angewiesen sind. Jonte beobachtet, wie die trockene Erde nach dem Gießen dunkler wird. Er erlebt ganz praktisch, dass Regenwasser nicht einfach verschwindet, sondern in einem Kanister gesammelt und später sinnvoll zum Wässern des Stadtgrüns genutzt werden kann.
Gemeinsam versorgen die Anwohnerinnen und Anwohner der Ohe-Höfe zwölf Obstbäume im Innenhof, vor allem Apfel- und Kirschbäume und ein paar Quitten. Auch die Straßenbäume vor dem Quartier bekommen Regenwasser.

Mit kleinen Veränderungen im Alltag lässt sich viel Wasser sparen. Wie das gelingt, zeigt unser Artikel Ganz einfach Wasser sparen: 13 Tipps.
Regenwasser für Bäume statt Trinkwasser
Das Wasser kommt nicht aus der Leitung, sondern aus einem Regenwassertank im Innenhof. Der Behälter fasst 1.000 Liter und sammelt Niederschläge von den begrünten Dächern der Ohe-Höfe. Über einen Wasserhahn lässt sich das gespeicherte Wasser direkt anzapfen. Damit es besser fließt, steht der Tank erhöht auf Kunststoffpaletten. Eine von Jan gebaute Wasserstandsanzeige zeigt den aktuellen Füllstand: rund 700 Liter. Auf dem Tank steht: „Volle Kanne. Mehr Regenwasser für Hannovers Stadtgrün“. Warum das wichtig ist, zeigt sich an heißen Sommertagen. „Da merkt man schon, dass die Blätter hängen und nach dem Gießen wieder frischer werden“, sagt Jan.
Hannover hat rund 47.500 Straßenbäume. Sie spenden Schatten, kühlen ihre Umgebung und verbessern die Aufenthaltsqualität in der Stadt. Zugleich leiden viele von ihnen unter Trockenheit, versiegelten Flächen und verdichteten Böden. Vor allem junge Bäume sind in längeren Hitzeperioden auf zusätzliches Wasser angewiesen. Hier setzt das Projekt „Volle Kanne“ an: Regenwasser wird gesammelt und direkt dort eingesetzt, wo es gebraucht wird. Aus einer einfachen technischen Lösung wird ein konkreter Beitrag zur Klimaanpassung.
Aus Infrastruktur wird Gemeinschaft
Dass das in den Ohe-Höfen funktioniert, ist kein Zufall. Das Wohnprojekt zwischen Calenberger Neustadt und Linden wurde von Beginn an gemeinschaftlich gedacht. Offene Höfe, grüne Flächen und kurze Wege prägen das Zusammenleben. „Es ist eine tolle Gemeinschaft mit der ganzen Nachbarschaft“, sagt Jan. „Der üppige grüne Garten im Innenhof ist für alle zugänglich. Jeder kann ihn nutzen und so haben auch alle etwas von dem Bewässerungsprojekt – die Pflanzen und die Menschen, die hier leben.“ Die Schubkarre über den Hof zu schieben oder Gießkannen weiterzureichen, mag unspektakulär wirken. Doch genau solche kleinen Handlungen machen sichtbar, wie Klimaanpassung im Alltag funktionieren kann.
Verantwortung, die sich teilen lässt
Initiiert und koordiniert wird „Volle Kanne“ von Ökostadt e. V. Die Landeshauptstadt Hannover unterstützt das Projekt und knüpft damit an bestehende Baumpatenschaften an. Kathrin Limberg, Geschäftsstellenleiterin von Ökostadt, sieht hier die Stärke der Initiative: „Genau dafür ist ,Volle Kanne‘ da: Menschen sollen unkompliziert mitmachen können. Ob morgens vor der Arbeit oder abends nach Feierabend, jeder macht so viel, wie in den eigenen Alltag passt. Wo Nachbarschaften gemeinsam Verantwortung übernehmen, profitieren nicht nur die Bäume. Kinder erleben ganz praktisch, wie Regenwasser genutzt werden kann und wie Klimaanpassung vor der eigenen Haustür beginnt.“
Mitmachen können Eigentümergemeinschaften ebenso wie Ein- und Mehrfamilienhäuser, Schulen oder Kindergärten. Benötigt werden lediglich ein Standort von etwa einem Quadratmeter, ein Anschluss an ein Fallrohr und bei Mietobjekten das Einverständnis der Eigentümer. Gerade in Schulen und Kitas wird das Projekt damit auch zu einem anschaulichen Beispiel für Umweltbildung.
enercity schafft Möglichkeiten
Seit rund einem Jahr unterstützt enercity das Projekt. Für Andreas Kalix, Leiter Wassergewinnung bei enercity, verbindet „Volle Kanne“ Klimaanpassung und Ressourcenschutz auf besonders anschauliche Weise: „Als Wasserversorger beschäftigen wir uns täglich mit dem Wert von Wasser. Deshalb hat uns die Idee überzeugt, Regenwasser dort zu nutzen, wo es anfällt, statt für die Bewässerung von Bäumen aufbereitetes Trinkwasser einzusetzen. Jeder Liter Regenwasser, der vor Ort genutzt wird, ist ein Gewinn. Projekte wie ,Volle Kanne‘ zeigen, dass Klimaanpassung oft mit einfachen Lösungen beginnt.“
In Hannover wurden bislang 30 Regenwassertanks im Rahmen des Projekts aufgestellt. Rund ein Drittel davon konnten bisher mit Unterstützung von enercity finanziert werden. Dies gelang durch das gemeinsame Engagement von der Wassersparte des Unternehmens und den ebenfalls dort im Marketing vorangetriebenen ,,Herzensprojekten". Da noch nicht alle Fördermittel von enercity investiert wurden, sollen in den kommenden Monate weitere Tanks aufgestellt werden.

„Den haben wir gegossen“
Am Ende führt die Geschichte zurück zum Chat der Hausgemeinschaft. Aus einer kurzen Nachricht wird eine konkrete Handlung. Ein Vater und sein Sohn gehen los. Nachbarinnen und Nachbarn schließen sich an. Regenwasser fließt vom Dach in den Tank und von dort zu den Wurzeln der Bäume. Wenn Jonte später an einem der Bäume vorbeigeht, denkt er wahrscheinlich nicht an Klimaanpassung oder Hitzevorsorge. Vielleicht denkt er einfach: „Den haben wir gegossen.“
Ob Sportverein, Nachbarschaftsinitiative oder Umweltprojekt: Mit der Crowdfounding-Plattform enercity HerzensProjekte unterstützt enercity jedes Jahr engagierte Ideen aus Hannover und der Region.
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